Die Zeitumstellung wird abgeschafft. Kommt die ständige Sommerzeit? Wie wir den Sommer auch ohne Sommerzeit nutzen können.

Nach der öffentlichen “Konsultation” hat die EU hat entschieden, dass in 2021 Umstellung aufhören soll. Jedes Land darf sich dann für ständige Sommerzeit oder Winterzeit entscheiden.

Irritationen um die ständige Sommerzeit

Ständige Sommerzeit im TV-Gerät
Mein Fernseher braucht bei jeder Zeitumstellung eine “relative” Zeit

Am vergangenen Sonntag wurde wieder die Zeit umgestellt. Eine Stunde weniger Schlaf. Mehrere Uhren stellten sich als “Funkuhren” automatisch um. Die schöne Wanduhr, die digitale Backofen-Uhr, die “Hintergrunduhr” im Fernseher, die Uhr im Auto müssen manuell umgestellt werden. Bedienungsanleitung? Menüführung?

Zeitungen, Nachrichtensendungen und Magazine erinnerten wie immer an die Zeitumstellung. Diesmal interviewten sie Bürger in der Fußgängerzone: “Wollen Sie zukünftig lieber die ständige Sommerzeit oder die Winterzeit?”. Offensichtlich ohne langes Nachdenken wählten die meisten die ständige Sommerzeit. Das bestätigt das ZDF-Polit-Baromenter: “Mit 52 Prozent wünscht sich eine knappe Mehrheit der Befragten, dass bei uns dann ganzjährig die Sommerzeit gilt, 39 Prozent bevorzugen die Winterzeit”. Die Tagesschau berichtet: “Die Uhren wurden um eine Stunde vorgestellt – von 2:00 auf 3:00 Uhr. Damit bleibt es abends nun wieder länger hell.“.

Das ist nicht falsch, aber es ist eine irreführende Halbwahrheit. Warum unterschlagen sie “Damit bleibt es morgens nun wieder länger dunkel”? Das ist zwar logisch, aber bei den Interviews hatte ich nicht den Eibdruck, dass die Befragten bis zu dieser Konsequenz dachten.

Fakten zu Normalzeit, Sommerzeit, Zeitzonen

1. Es gibt keine “Winterzeit”

Was “Winterzeit” genannt wird, ist die “Normalzeit”, bei uns in Deutschland ist das die mitteleuropäische Zeit (MEZ). Der Name “Winterzeit” wurde vielleicht zur deutlicheren Abgrenzung von der verschobenen “Sommerzeit” gewählt.

Das Begriffspaar Sommer-/Winterzeit wurde auch bei der offiziellen “Konsultation” benutzt:
Umfrage Ständige Sommerzeit

2. Ohne Koordination “humpelt” die EU

Die EU ist so groß, dass sie sich über vier Zeitzonen erstreckt. In den 8 Ländern der osteuropäischen Zeit (EET) geht die Sonne zuerst auf. Eine Stunde später geht sie in den 16 Ländern der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ, CET) auf. Noch eine Stunde später kommt sie in die Länder der westeuropäischen Zeit (WET). Zum Schluss erreicht sie die zu Portugal gehörenden Azoren (AZOST). So ist die bisherige politische EU-Regelung, die sich an den geografischen Gegebenheiten orientiert (Sonnenaufgang und Längengrad).

Zur Orientierung: Die UTC (Universal Time Coordinated = Koordinierte Weltzeit) ist der neutrale Maßstab für den Vergleich von Zeitzonen. Die UTC kennt keine Manipulation wie Sommer- oder Winterzeit. Jede Zeitzone kann durch die relative Angabe beschrieben werden, um wie viele Stunden sie von der UTC abweicht. Auch mein Fernseher bezieht sich auf die UTC.

Angenommen in Deutschland im Winter ist es 12:00 Uhr MEZ. Dann ist es in Griechenland zum gleichen Zeitpunkt schon 13:00 Uhr EET und auf den Azoren erst 10:00 Uhr AZOST.

Alte Regelung: In allen Länder der gleichen Zeitzone gilt die gleiche Uhrzeit. Wer z.B. von Dänemark oder Polen nach Spanien fährt, bleibt in der gleichen Zeitzone und hat durchgängig die gleiche Uhrzeit. Für internationale Wirtschafts- und Verkehrsbeziehungen ist diese Koordination sicher vorteilhaft.

Aktuelle Entscheidung der EU: Zukünftig fällt die Zeitumstellung weg. D.h. jedes Land darf wählen, entweder ständige Sommerzeit oder ständige Normalzeit. Ohne Koordination mit den Nachbarländern. Eine halbherzige Entscheidung. So kann ein Flickenteppich an Uhrzeiten entstehen.

Zukünftige Regelung: Wenn manche Länder die Normalzeit wählen und andere die Sommerzeit, kann jeder Grenzübertritt die Umstellung der Armband- oder Auto-Uhr erfordern. Und wer das nicht anpasst, kann Probleme z.B. mit Öffnungszeiten bekommen. Ein solcher zeitlicher Flickenteppich lässst die EU unnötig “humpeln”; ein wesentlicher Vorteil würde aufgegeben.

Wenn die ständige Sommerzeit käme

Wenn die ständige Sommerzeit käme, ginge die Sonne später auf und später wieder unter. Ja, abends bleibt es länger hell; aber morgens bleibt es auch länger dunkel. Im Sommer und im Winter. Zum Beispiel

  • im Juli geht die Sonne gegen 21:00 Uhr (Sommerzeit MESZ) unter. Der gleiche Sonnenuntergang wäre gegen schon 20:00 Uhr (Normalzeit MEZ). Aber wer sollte uns daran hindern, noch eine Stunde länger draußen zu bleiben?
  • Z.B. Weihnachten geht die Sonne gegen 16:00 Uhr (Normalzeit MEZ) unter. Welche Vorteile bringt es, wenn die Sonne erst um 17:00 Uhr (Sommerzeit MESZ) unterginge?

Obwohl der Begriff “Sommerzeit” das vielleicht suggeriert, lässt sich der Winter nicht durch den Sommer ersetzen. Nur ein paar Stichwörter zur möglichen Festlegung auf die ständige Sommerzeit: Dann

  • könnte man (nur im Sommer) länger im Biergarten sitzen,
  • würden die Nachbarn der Biergärten in ihrer Nachtruhe gestört,
  • müssten Schulkinder im Winter meistens im Dunklen zur Schule gehen / fahren,
  • müssten Laternenparker im Winter öfter Eis kratzen, weil auftauende Sonnenstrahlen erst eine Stunde später helfen,

Und unsere “innere Uhr” richtet sich nicht nach der Zeigerstellung der Funkuhr, sondern nach dem Sonnenlicht. Bei der im Winter unnatürlichen Sommerzeit hätte der natürliche Biorhythmus keine Chance. Medizinische Bedenken kommen zum Tragen.

Punktuelle Korrekturen greifen zu kurz

Für die Schulkinder werden schon veränderte Schulzeiten diskutiert. Damit könnte man ein Problem lösen, würde aber weitere Probleme schaffen.

Aus dem Deutschen Lehrerverband kommen diese Kommentare: “Für berufstätige Eltern würde es schwer, weil Schulbeginn und Berufsbeginn zeitlich nicht mehr zusammenpassen würden. Das stürzt die Familienlogistik am Morgen ins Chaos.”

Und weitere Probleme entstehen: “Die Schulen müssten (…) flächendeckend auf verpflichtenden Nachmittagsunterricht umstellen, um auch bei einem späteren Schulbeginn auf die Regelstundenzahl zu kommen. Das heißt, dass es auch eine Mittagspause und Mittagessen geben muss. Darauf sind viele Schulen überhaupt nicht eingestellt.”

Die SommerZEIT macht keinen Sommer

Das Schulproblem wurde erkannt und veröffentlicht. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Ganz sicher gibt es viele andere Probleme, die noch nicht erkannt und veröffentlicht wurden. Die “Normalzeit” funktioniert mit bewährten zeitlichen Strukturen. Für die verschobene “Sommerzeit” müssten viele Strukturen geändert werden.

Die Politik kann darüber entscheiden, ob wir die natürliche “Normalzeit” bekommen oder die verschobene “Sommerzeit”. Dabei ist die Sommerzeit mit Nachteilen belastet, die erst ansatzweise erkennbar sind.

Ja, im Sommer ist es wärmer und schöner. Aber das liegt an der Jahreszeit Sommer, nicht an der Zeitzone SommerZEIT. Das Zifferblatt kann die Sonnenstrahlen nicht “verlängern”.

Lohnt es sich, nur für das Wort “Sommerzeit” bundesweit angeordnete Nachteile zu akzeptieren, obwohl individuelle Vorteile auch mit dem Wort “Normalzeit” genutzt werden können?


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