Wie schlecht ist die Datenrate wirklich?

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Wer mit Stadterfahrungen die Datenrate auf dem Land erlebt, zahlt den vollen Tarif für einen Bruchteil der erwarteten Leistung. Der Frust wird berechnet.
Datenrate
Daten werden so übertragen, dass eine Datei (z.B. ein Video) beim Absender in kleine Datenpäckchen aufgeteilt wird. Die werden versendet und beim Empfänger wieder zusammengesetzt. Das kann mehr oder weniger Zeit brauchen,

Beim Sprachtarif gilt “Zeit ist Geld“: z.B. doppelte Gesprächsminuten – doppelter Preis. Beim Datentarif gilt “Zeit ist egal“: Nur die Datenmenge zählt, z.B. werden 500 MB pro Monat vereinbart. Die Datenrate (= Übertragungs-Geschwindigkeit) spielt keine Rolle. Theoretisch kann man das wissen, praktisch bringt es immer wieder Frust, zum Teil bis zum Funkloch.

Datenrate im Vergleich – ein Beispiel

Angenommen jemand hat mit seinem Smartphone ein 10-Minuten-Video aufgenommen. In den Kamera-Einstellungen war die höchste Auflösung eingestellt, z.B. weil der große TV-Bildschirm das Video möglichst scharf darstellen soll. Das Video soll nach der Aufnahme in die Cloud übertragen werden, um es später von dort aus vorzuführen.

Im Beitrag Volumenrechner – welches Tarif-Volumen braucht man? wird das Volumen pro Stunde UHD-Video auf 2.000 MB geschätzt. Für das 10-Minuten-Video ist also ein Volumen von 333 MB Daten zu übertragen.

Situation 1: In der Großstadt (z.B. Düsseldorf)

In diesem Beispiel zeigt das Display des Smartphones in der Statuszeile das Symbol H+. Das ist eine ordentliche Datenrate (nicht die höchste verfügbare). Diese Datenrate kann schon mit Einsteiger- und Mittelklasse-Smartphones erreicht werden. Sie ist in einer ähnlichen Größenordnung wie die Übertragung im Festnetz über WLAN.

H+ (High Speed Packet Access) überträgt mit maximal 42 MBit/s. Die 333 MB sind dann nach 53,5 Sekunden in der Cloud, also knapp 1 Minute.

Situation 2: Im einer ländlichen Region (z.B. Eifel)

Für die gleiche Aufgabe im ländlichen Raum zeigt das Display des Smartphones das Symbol E. Das ist eine dort “normale” sehr langsame Datenrate (nicht die langsamste verfügbare). Sie ist viel langsamer als die Übertragung im Festnetz über WLAN.

E (Enhanced Data Rates for GSM Evolution) überträgt mit maximal 256 KBit/s. Die 333 MB sind dann nach 10.256 Sekunden in der Cloud, also ca. 170 Minuten oder fast 3 Stunden.

Ergebnis

Bei gleichen Gebühren (für 333 MB) im selben Tarif mit dem selbwn Smartphone ist die Leistung im städtischen Bereich deutlich besser, im Verhältnis 1 : 161

In diesem Beispiel sind die Datenraten optimistisch hoch “unter günstigsten Bedingungen” angesetzt. In der Praxis erreichen die Leistungen 50% bis 75% der jeweiligen Höchstleistung. Das ändert aber nichts am Verhältnis Stadt : Land.

Irreführende Klauseln der Anbieter

Noch ein Ärger ergibt sich aus den Sprüchen der Werbung.

Beispiel: “100 MB Highspeed Flatrate”

In der Werbung wird ein kleiner Tarif damit beschrieben.

  • Das Datenvolumen in diesem Tarif ist auf 100 MB pro Monat begrenzt.
  • Der Tarif wird z.T. “Flatrate” genannt (mit der Bedeutung “unbegrenzt”). Es ist aber ein (begrenzter) Volumentarif, erkennbar weil ein Volumen genannt ist. Der Begriff “Flatrate” wird damit erklärt, dass das Internet nach Verbrauch des monatlichen Volumens weiter genutzt werden kann – allerdings “gedrosselt”
  • “Highspeed” ist kein technischer, sondern Marketing-Begriff, ohne technische Beschreibung.

Beispiel: “bis 7,2 Mbit/s”

Bei Volumentarifen gibt es lt. Tarif eine “Drosselung”, sobald das monatliche Datenvolumen verbraucht ist.

  • Unabhängig von der Infrastruktur ist die Datenrate maximal 7,2 Mbit/s, d.h. 3. Generation UMTS (Universal Mobile Telecommunications System), für Texte akzeptabel, für Videos absolut ungeeignet.
  • Diese Leistung wird nicht garantiert, die Infrastruktur kann noch langsamer sein.

Die Infrastruktur bestimmt die Datenrate

Die Infrastruktur ist wie sie ist, gut oder schlecht, sehr gut oder sehr schlecht. Sie ist so, wie die Netzbetreiber sie aufgestellt haben.

Weil die Netzbetreiber Geld verdienen wollen, bauen sie dort Funkmasten auf, wo sie Geld verdienen können, dort wo die meisten Gebührenzahler pro Funkzelle sind. In Ballungsgebieten gibt es mehr Gebührenzahler. Mit diesen Einnahmen können mehr Funkmasten gebaut werden als in dünn besiedelten Feriengebieten. Nicht nur mehr Funkmasten, sondern auch moderner (= schneller) ausgestattete Funkmasten. Die Datenrate in der Stadt stimmt, die Datenrate auf dem Land ist an vielen Stellen so schlecht wie im Funkloch.

Neben der Geschäftspolitik der Netzbetreiber und der Konkurrenz durch andere Netzbetreiber gibt es weitere Einflüsse auf Infrastruktur und Datenrate. Die Digitalpolitik der Bundesregierung misst die Netzabdeckung nicht anhand der versorgten Fläche, sondern anhand der Haushalte. Das setzt falsche Anreize. An den lokalen Standorten fehlt es angeblich an Platzangeboten und die Genehmigungsverfahren werden als zu langwierig beschrieben. Vielleicht sind die Bedenken wegen der möglichen Strahlenbelastung zu groß.

Netze können nicht homogen sein, ein “Flickenteppich” ist unvermeidlich:

  • Netzabdeckung (Infrastruktur – Stadt / Land / Funkloch) ist unkoordiniert gewachsen.
  • Entfernung vom Standort zum Funkmast.
  • Abschirmung in Gebäuden (Wände, Leitungen).
  • aktuelle Netzbelastung – viele Nutzer gleichzeitig.

Solche Einflüsse führen dazu, dass die tatsächliche Datenrate nur 50% bis 75% der theoretisch möglichen erreicht.

Gebühren sind unabhängig von der Datenrate

Im gleichen Tarif kostet 1 MB die gleichen Gebühren,

  • bei allen Mobilfunk-Generation G, E, 3G, H, H+ (nur LTE ist teurer),
  • für alle Multimedia-Datenformate (Text, Foto, Audio, Video),
  • bei guter / schlechter Infrastruktur (Stadt / Land),
  • im Einsteiger-, Mittelklasse- und Spitzen-Smartphone,
  • bei wenigen oder vielen Nutzern, die zu Spitzenzeiten (z.B. bei einer Großveranstaltung) am gleichen Funkmast für einen “Stau” sorgen.

Smartphone und Tarif können die Bremse im Netz nicht aufheben

Als Nutzer kann man gegen schlechte Datenraten kaum etwas unternehmen. Lediglich Ausweichen ist möglich, zu einem anderen Standort, zu einer Zeit ohne Stau. Soweit das möglich ist. Auch der Wettbewerb hilft kaum, weil alle Netzanbieter den gleichen Bedingungen unterliegen. Die Politik der Bundesregierung könnte die Rahmenbedingungen zugunsten der Digitalisierung ändern. Versteht sie das?


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