Vorratsdatenspeicherung im Überwachungsstaat? Lächerliche Bedenken, wir alle sind schon gläsern durch WhatsApp. Alle, auch Paul.

Paul ist gläsern und machtlos

Paul hat viele Facetten

Das ist Paul:

  • Paul ist der Herr aus der Nachbarschaft, der öfter einen reservierten Parkplatz benutzt hat; dessen Besitzer hat sich geärgert und Pauls Autonummer notiert.
  • Beim jährlichen Straßenfest hat man sich wieder vertragen und viele Fotos gemacht, auch mit Paul. Einer stellt sie für alle ins Netz.
  • Ein Kegelbruder, der Paul gelegentlich am PC hilft, hat Pauls Passwörter notiert, weil der sie immer vergisst.
  • Welches Problem mag Paul wohl haben, wenn er zur Selbsthilfegruppe “Anonyme Alkoholiker” geht?
  • Pauls Ex kennt ihn noch viel intimer; sie hat viele Notizen gemacht für den Fall, dass Paul sich von ihr trennen will.
  • Pauls Steuerberater weiß, wann und wie Paul “gemogelt” hat.
  • Sein Bankverkäufer weiß, woher und wohin sein Geld fließt.
  • Die Schufa weiß es dann natürlich auch.
  • Auch sein Versicherungsvertreter kennt einige seiner Risiken.
  • Pauls Job-Konkurrent notiert schon lange Infos aus dem Büro, damit sägt er an Pauls Stuhl.
  • Und noch viel mehr Leute wissen etwas über Paul.

Jeder, der Paul kennt, kennt nur eine Facette. Das ist normal und völlig unspektakulär. Ob es Paul wohl recht wäre, wenn irgendjemand alle diese Informationen zusammenführt? Wie würden zukünftige Vertrags- oder Lebenspartner das bewerten? Paul kommt aber nicht auf die Idee, dass er so gläsern ist, dass ein Mensch alles das weiß.

Nehmen wir einmal an, dass jeder “Facetten-Kenner” bei WhatsApp ist. Schließlich wird oft genug verkündet “Alle sind doch bei WhatsApp”. Und nehmen wir weiter an, dass jeder Pauls Handynummer und mindestens eine Facette in der Kontakte-App gespeichert hat. Dann kann WhatsApp alle Facetten abfragen und über die Handynummer zusammenführen. Für WhatsApp ist Pauls Privatsphäre wie ein offenes Buch. Obwohl er gar kein WhatsApp-Mitglied ist.

Warum macht WhatsApp alle gläsern?

Paul ist nicht für einen einzelnen Menschen gläsern, sondern für einen geldgierigen Internet-Konzern. Nicht nur Paul ist gläsern, sondern “alle”, ob sie selbst bei WhatsApp sind oder ob andere WhatsApp-Mitglieder Infos in ihren Kontakten gespeichert haben.

Die App WhatsApp ist kostenlos, deren Verkauf bringt also keinen Gewinn. WhatsApp verdient nichts mit Werbung (das wird sich wohl demnächst ändern). Trotzdem ist Herr Mark “Facebook” Zuckerberg zig-facher Milliardär. Dabei hat Facebook für WhatsApp 19 Milliarden Dollar bezahlt.

Das geht so: WhatsApp verhökert die Privatsphäre – von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern. Nach dem Motto “Wer im Internet nicht bezahlt, ist nicht der Kunde, sondern die Ware”. Und nicht einmal Bezahlen und Akzeptieren von Werbung könnten Sie gegen das Verhökern schützen. Facebook und WhatsApp haben Vertrauen verspielt.

Immer, wenn in der Tagespresse Kritik oder Datenlecks veröffentlicht werden, regen sich alle auf. Und verdrängen es schnell wieder. Sie ziehen keine Konsequenzen daraus, weil WhatsApp ja so einfach und bequem ist und weil “alle” da sind. Man will ja “dabei” sein. Und es ist ja immer alles gut gegangen.

Senioren werden nicht gläsern – glauben sie

1. WhatsApp-Nutzer können nicht lesen

Damit meine ich nicht die Brille oder die Legasthenie, sondern das Kleingedruckte von WhatsApp. Das haben mir alle bestätigt, die ich danach gefragt habe. Sie könnten es lesen, aber sie tun es nicht. Warum sollten sie auch? Bei WhatsApp sind doch “alle”, und die werden es schon gelesen haben. Und wenn die sich ebenfalls auf andere verlassen haben, die sich wiederum anderen vertraut haben?

Jeder, der sich bei WhatsApp anmeldet oder anmelden lässt, akzeptiert diese Klausel: “Du stellst uns regelmäßig die Telefonnummern von WhatsApp-Nutzern und deinen sonstigen Kontakten in deinem Mobiltelefon-Adressbuch zur Verfügung. Du bestätigst, dass du autorisiert bist, uns solche Telefonnummern zur Verfügung zu stellen …”. Haben WhatsApper Sie um Ihre Erlaubnis zum Zugriff auf Ihre Daten gebeten? Nutzen Sie selbst WhatsApp und haben Sie Ihre Kontakte um deren Erlaubnis gebeten? Risiko: Wer WhatsApp ohne Autorisierung nutzt, handelt deliktisch.

Und auch diese Klausel haben WhatsApper akzeptiert: “Damit wir unsere Dienste betreiben und bereitstellen können, gewährst du WhatsApp eine weltweite, nicht-exklusive, gebührenfreie, unterlizenzierbare und übertragbare Lizenz zur Nutzung, Reproduktion, Verbreitung, Erstellung abgeleiteter Werke, Darstellung und Aufführung der Informationen (einschließlich der Inhalte), die du auf bzw. über unsere/n Dienste/n hochlädst, übermittelst, speicherst, sendest oder empfängst.” Risiko: Wer z.B. ein fremdes Foto an andere verschickt, kann eine Abmahnung vom Fotografen bekommen. Verstöße gegen das Urheberrecht können vierstellige Eurobeträge kosten.

Stimmt, schwer zu lesen und zu verstehen, nicht zu akzeptieren, aber rechtswirksam.

2. Smartphones im professionellen Einsatz

Viele Anwender benutzen Smartphones professionell mit Büro- und Internet-Funktionen. Denn Smartphones sind klein und mobil, dabei haben sie die Leistungsfähigkeit von Computern. Wer unterwegs arbeitet, speichert im Smartphone, was früher in Akten aufbewahrt wurde: Termine, Schriftstücke, Notizen. Und weil viele Informationen an Personen gebunden sind, werden sie gern bei den Kontakten bzw. Adressen gespeichert.

3. Senioren nutzen die Handy-Funktionen

Senioren benutzen Smartphones oft wie ein Handy und um gelegentlich im Internet zu recherchieren. Wenn sie Einsteiger sind, fehlt ihnen das Erfahrungswissen, wie mächtig Smartphones sind. Sie können sich weder die Chancen noch die Risiken vorstellen. Ihnen fehlt die Phantasie, dass scheinbar nützliche Apps private Daten unbemerkt abgreifen können. Senioren sind im Risiko gläsern zu werden, ohne dass sie das Problembewusstsein dafür entwickeln können.

Was Sie dagegen tun können?

Ich weiß, für Sie trifft das alles nicht zu, sie sind immer ganz vorsichtig und tauschen nichts “Geheimes” über WhatsApp aus. Und Sie speichern auch nur die Handynummer. Wirklich?

Aber es kommt nicht darauf an, welche Inhalte Sie austauschen, sondern ob Sie Inhalte austauschen. Immer, wenn Sie sich bei WhatsApp einloggen, kann WhatsApp alle Ihre Kontakte abgreifen, auch die von Nicht-WhatsAppern. Auch wenn Sie sich nur “ganz selten” einloggen. Das haben alle WhatsApp-Nutzer akzeptiert.

WhatsApp geht es vermutlich weniger um die Chat-Inhalte, sondern vorrangig um die Kontakte. Kontakte gehören zu den “Metadaten”, die z.T. noch aussagefähiger ist als die Inhalte: Wer kommuniziert mit wem, auch außerhalb von WhatsApp?

Im Internet gibt es Tipps, wie man WhatsApps Zugriff auf die Kontakte verhindern kann, z.B. Whatsapp: So verhindern Sie den Zugriff auf Kontakte. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Mit den empfohlenen Einstellungen können Sie nur den Zugriff auf Ihre Kontakte schützen, nicht den Zugriff auf andere Smartphones mit Ihren Daten.

Meine Empfehlung: Deinstallieren Sie WhatsApp und bitten Sie Ihre WhatsApp-Partner, Ihre Daten aus der Kontakte-App zu löschen. Sprechen Sie mit Ihren WhatsApp-Partnern. Noch besser: Diskutieren Sie mit ihnen die Risiken und Alternativen. Sie müssen nicht auf die Kommunikation oder Ihre Partner verzichten, sondern sichere Wege wählen. Digital: Telefon, SMS, E-Mail, Threema (als sichere WhatsApp-Alternative). Analog: Noch besser sind Gespräche bei “Speis und Trank”, gemeinsame Aktivitäten. Ihnen fällt bestimmt etwas ein.


Kontakt

Bitte schreiben Sie einen Kommentar (am Ende des Artikels).
Sie möchten bei neuen Artikeln eine unverbindliche Info?
Sie haben Fragen, Wünsche oder Vorschläge? Bitte hier.


Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.