Der jüngste Datenklau hat gezeigt, dass Nutzer Fehler machen. Sie haben nicht genug Internet-Wissen, nicht genug Medienkompetenz. Was dafür zu tun ist.

Internet-Wissen: Verstand statt 10-Finger-Blind

Anbieter verleiten die Nutzer dazu, dass sie immer mehr wollen.

Wie Internet-Wissen zu vermitteln ist

Die Systeme werden immer mächtiger und immer schwieriger durchschaubar. Allein weil mehrere Geräte “zusammengewachsen” sind: Handy, Kamera, (Taschen-)Computer, Fax, Navigationssystem, Bankautomat, Kasse, Büromaschinen. Je älter Internet-Einsteiger sind, desto geringer ist das vorhandene Internet-Wissen und desto größer ist der Lernbedarf. Wo früher z.B. das “Blindschreiben” nach dem Zehnfingersystem genügte, sind in den “mächtigeren” Geräten heute tiefere und übergreifende Kenntnisse für die vielseitigen Aufgaben nötig.

Wenn den Nutzern Verständnis und Internet-Wissen fehlen, finden Informationssammler immer mehr Angriffsmöglichkeiten, ob für Werbung, für staatliche Vorratsdaten, für Bespitzelung oder für kriminelle Ziele. Schutz bieten nur Medienkompetenz und Mitdenken.

Mir geht es hier nicht um eine theoretische Unterscheidung zwischen Medienkompetenz und Internet-Wissen, ich verwende die Begriffe hier gleichwertig.

Medienkompetenz muss man sich erarbeiten

Medienkompetenz ist eine persönliche Aufgabe jedes Nutzers.

Internet-Wissen hat es schwer

Die Entwicklung überholt das Problembewusstsein

Computer, das Internet und die mobilen Geräte haben in weniger als einer Generation ihre heutige Bedeutung erlangt. Das schnelle Wachstum und die enorme Breitenwirkung sorgen für einen extrem hohen Lernbedarf. Es gibt zu wenige Eltern, Lehrer und Führungskräfte, die fundiertes Internet-Wissen haben. Dann können sie es auch nicht vermitteln.

Goldgräberstimmung: Neue Unternehmen entstanden als kleines Startup und beherrschen das Internet. Kriminelle erkennen ebenfalls neue Chancen und nutzen die Unkenntnis ihrer Opfer.

Auf breiter Front muss Problembewusstsein vermittelt werden, damit die Nutzer aus eigener Motivation lernen.

Erfahrungswissen fehlt

Wer an einer Parkbank das Schild “Frisch gestrichen” liest, glaubt das nicht, bis er sie selbst angefasst hat. Verbote und Gebote haben beim Nutzer keine Chance. Der Nutzer muss Medienkompetenz nicht nur zulassen, sondern selbst wollen. Weil eine “große staatliche” Lösung nicht in Sicht ist und wohl auch keine Chance hätte, muss jeder für sich selbst sorgen.

Der Nutzer wird nicht aufgeklärt. Anbieter im Internet wollen Geld verdienen, also wollen sie es dem Nutzer möglichst einfach machen. Sie haben nicht das Ziel, die Nutzung möglichst sicher zu machen. Das würde den Komfort beeinträchtigen und das Geschäft schädigen. Nicht alle Aktivitäten der Internet-Anbieter sind transparent. Manche Dinge sind kompliziert, manche werden bewusst verschleiert.

Wer vor den Risiken warnt, weil er sie erlebt oder untersucht hat, wird leicht in die “Spielverderber-Ecke” gestellt: “Das machen doch alle” oder “So ist nun mal unsere Welt” oder “Ich habe nichts zu verbergen”. Wer so argumentiert, denkt nicht an die schutzbedürftigen Daten anderer Personen, die er mit preisgibt.

Wir leben zunehmend digital und denken noch analog. Digitales Erfahrungswissen fehlt, wird aber dringend benötigt.

Internet-Konzerne sind zu mächtig

Das Marketing der “Digitalisierungs-Hersteller” suggeriert, dass die Digitalisierung ganz einfach ist und nur Vorteile bringt. Z.B. sind Google-Produkte (von der Suchmaschine bis Android) für viele Nutzer unverzichtbar geworden. Sie erkennen nicht, dass sie mit den eigenen Daten “bezahlen”. Das Verb “googeln” hat es bis in den Duden geschafft. Eine ähnliche Selbstverständlichkeit gilt für soziale Medien (z.B. Facebook, WhatsApp) und Internet-Shopping (z.B. Amazon).

Wer Medienkompetenz vermitteln will, muss stark genug gegen die Marketing-Finanzmacht sein.

Internet-Wissen wird eine Kulturtechnik

Denkbar wäre die Vermittlung von Medienkompetenz als Pflichtveranstaltung. Das erforderliche Wissen ist viel größer als z.B. das Wissen für das Autofahren. Denkbar wäre ein Maßnahmenbündel vergleichbar mit Fahrschule, Fahrprüfung, Verkehrslenkung und -überwachung. Das halte ich nicht für durchsetzbar. Z.B. die Kosten für die Maßnahmen wären zu hoch im Verhältnis zu den Gerätepreisen.

Chancen hat m.E. nur Medienkompetenz durch Motivation und Vorbilder, die sich sinnvoll verhalten: Promis und persönliche Umgebung. Nutzer müssen den Bedarf an Internet-Wissen erkennen – zusammen mit dem Nutzen des Internet. Sie müssen wissen, wie sie sich absichern können. Sich müssen die Sicherheit wollen. Sie brauchen konkrete Anleitungen, um sich absichern zu können.

Ich skizziere hier einen Aktivitäten-Mix, von dem ich mehr Motivation und Medienkompetenz erwarte. Kleine Maßnahmen wirken schneller, aber nicht grundsätzlich. Große Maßnahmen brauchen mehr Zeit. Alle Maßnahmen treffen vermutlich auf unterschiedlich große Widerstände. Meine Ansätze sind nicht voneinander abhängig, sie können gleichzeitig begonnen werden. Wegen ihrer Bedeutung sollten sie gleichzeitig begonnen werden.

Realistische politische Ziele

Digitalisierung wird immer wieder und laut als politisches Ziel definiert, aber oft ohne “Bodenhaftung”. Themen wie “Flugtaxis”, “5G an jeder Milchkanne” und das “Internet der Dinge” werden populistisch verkündet. Solange in großen Bereichen die Basisversorgung fehlt, fällt es schwer, an den Durchblick der “Verkünder” und an die Ernsthaftigkeit solcher Ankündigungen zu glauben.

Maßnahme: Realistische Prioritäten setzen, z.B. flächendeckende DSL- und Mobilfunkversorgung auch in ländlichen Regionen.

Wirkung: Grundlegend, indirekt, mittelfristig.

Widerstand ist von Lobbyisten und Polit-Akteuren zu erwarten, die sich von ihren Sprechblasen trennen müssten.

Verzicht auf indirekte Werbung

Z.B. Rundfunksender pflegen Kontakte zu ihren Hörern per WhatsApp und Facebook. Damit werben die Sender indirekt für diese Medien, die wegen ihrer Geschäftspraktiken kritisiert werden.

Maßnahme: Zertifizierung von Anbietern mit europäischen Datenschutz-Standards. Favorisierung der herkömmlichen E-Mails und SMS sowie der zertifizierten Medien anstelle der kritisierten.

Wirkung: Stark und mittelfristig.

Widerstand: Sender werden mit der Bequemlichkeit der Nutzer und mit Eingriffen in die Freiheiten der Programmgestaltung argumentieren.

Unterhaltungs-Sendungen

Auch Erwachsene lernen leichter und lieber ohne “erhobenen Zeigefinger”.

Maßnahme: “Spielerische” Informations-Vermittlung durch Krimis, Daily Soaps, Quiz, Wettbewerbe. Anreizsysteme für Sender und Autoren.

Wirkung: Kurz- bis mittelfristig, aber sehr wirksam.

Widerstände: evtl. von den Sendern, die Quotenverluste befürchten.

Verbraucher-Magazine

Ratgeber-Informationen scheinen hoch im Kurs zu liegen: TV- und Radio-Sendungen ebenso wie Bücher.

Maßnahme: Stärkere Thematisierung des Internet-Wissens in Verbraucher-Magazinen, ähnlich wie Test-, Koch-, Medizin- und ähnliche Sendungen. Anreizsysteme für Sender und Autoren.

Wirkung: Kurz- bis mittelfristig, aber sehr wirksam.

Widerstände: evtl. von den Sendern, die Quotenverluste befürchten.

Digitalisierungs-“Vereine”

Ehrenamtliches Engagement wird gern geleistet und in Anspruch genommen. Durch Qualifizierung der “Lehrer” (Multiplikatoren-Schulung) können bestehende Ansätze verstärkt werden.

Maßnahme: Förderung von Vereinen und ehrenamtlichen Institutionen, die sich mit Digitalisierung beschäftigen, analog zu ADAC, ADFC, Sportvereinen, Schachclubs, Gemeinden.

Wirkung: Mittelfristig, aber sehr wirksam.

Widerstände: ?

Ausbildung in Schulen

Maßnahme: Medienkompetenz oder Internet-Wissen als Lehrfach in allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen einführen. Mit einer Gewichtung als “Kulturtechnik” wie Rechnen und Schreiben.

Wirkung: Nachhaltig, vielversprechend, aber lange Vorlaufzeit.

Widerstände: Fehlende Bereitschaft vieler Lehrkräfte (ideologisch oder mangels eigener Fachkompetenz). Fehlende Bereitschaft der Bundesländer im föderalen System. Die bloße Bereitstellung von Haushaltsmitteln durch den Bund genügt offensichtlich nicht.

Weiterbildung

Berufsbegleitende und private Weiterbildung ermöglichen und fördern das oft beschworene “lebenslange Lernen”.

Maßnahme: Weiterbildungs-Angebote für Erwachsene, z.B. VHS-Angebote, kleine überschaubare Seminarbausteine zu unterschiedlichen Schwerpunkten, regelmäßige Treffpunkte und Telefon-Hotlines für Erfahrungsaustausch. Ergänzend: breite Werbung für solche “neuen” Angebote.

Wirkung: Nachhaltig, kurzfristig, punktuell.

Widerstände bei einigen Nutzern: die Gebühren (Stichwort: Altersarmut). Förderung mit ermäßigten Gebühren.

Besteuerung der Internet-Konzerne

Internationale Internet-Konzerne vermeiden “normale” Steuerzahlung und haben dadurch viel Geld für weiteres Wachstum und aggressives Marketing.

Maßnahme: Besteuerung nach üblichen nationalen Kriterien, Verwendung der höheren Steuer-Einnahmen für Maßnahmen zur Medienkompetenz.

Wirkung: Stark, mittelfristig.

Widerstand: von internationale Lobbyisten über die EU.

Digitalisierung ist Chefsache

Für den Anstoß solcher Aktivitäten ist jetzt ein guter Zeitpunkt. Die allgemeine Aufmerksamkeit für den prominenten Datenklau öffnet die Türen. Vielleicht fürchten die Verantwortlichen Widerstände. Das darf kein Hinderungsgrund für die Schaffung sinnvoller Rahmenbedingungen und konkreter Maßnahmen sein. Politiker im Bund, in den Ländern und den Kommunen betonen lautstark, wie wichtig die Digitalisierung ist. Aber sie sagen nichts zum Internet-Wissen.
Internet-Wissen und Medienkompetenz
Ist das nur ein Lippenbekenntnis? Nach Erhebungen steht Deutschland viel zu weit unten im Ranking der Digitalisierung.

Die Tagesschau schreibt im ARD-DeutschlandTrend vom 10.01.2019: “Die Deutschen sind mehrheitlich eher vorsichtig, wenn sie im Internet unterwegs sind: 60 Prozent versuchen, online so wenige persönliche Daten wie möglich anzugeben – auch wenn sie deshalb manche Dienste nicht nutzen können”. Diese gewünschte Vorsicht steht im krassen Gegensatz zum tatsächlichen Fehlverhalten der Nutzer im Internet. Das belegt, dass der Wille vorhanden ist, dass aber die erforderlichen Kenntnisse fehlen.

Was ich hier beschreibe, gilt für alle Nutzer, natürlich auch für Politiker. Ausnahme: Für Politiker, die bei der Digitalisierung mitwirken, ist Erfahrungswissen unverzichtbar.

Wenn die Politik jetzt keine geeigneten Maßnahmen startet, könnte ein böser Verdacht entstehen: Wissen die Politiker überhaupt, worum es geht? Wollen sie überhaupt aufgeklärte Nutzer? Die könnten ja mehr wissen als die Politiker selbst. Die könnten ja verstehen, was Vorratsdatenhaltung und Staatstrojaner bedeuten und dann schlechter manipuliert werden.

Staatsministerin für DigitalisierungNachtrag: Das Foto stammt vom Instagram-Auftritt von Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung bei der Bundeskanzlerin im Kabinett Merkel IV mit ihrem Text: “Der Deutsche Computerspielpreis 2019 wird verliehen. Live aus dem Admiralspalast in Berlin. Freue mich mit meinem Kollegen @andreas.scheuer nicht nur die begehrten Trophäen überreichen zu dürfen sondern auch den Startschuss für die Förderung zu geben”. Latex und Laserschwert – Einsatz für Medienkompetenz. Brot und Spiele …

PS: Aufmerksame und bewusste Nutzer können sich schon jetzt selbst gegen die Risiken schützen. Relativ einfach. Sprechen Sie mich an.

Internet-Wissen gegen Datenklau

  1. Datenklau – die peinliche Chance
  2. Internet-Wissen – so muss es vermittelt werden

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