Gestern in der Rheinischen Post: Neue Masche von Trickbetrügern – Enkeltrick war gestern. Suchen Sie mal in der Webseite Ihrer Tageszeitung nach Artikeln mit “Enkeltrick” oder “Trickbetrug”. Sie werden überrascht sein, wie viele solcher Berichte es gibt.

Enkeltrick - Trickbetrug - Social Engineering

Lesen Sie hier, warum es trotz aller Warnungen immer wieder funktionert und wie Sie es erkennen und vermeiden können. Und wie Facebook, WhatsApp & Co. beteiligt sind.

Das Wort “Enkeltrick” verniedlicht die Bösartigkeit

“Enkeltrick” ist der gängige Begriff. Mir gefällt er überhaupt nicht, weil er suggeriert: Nur andere können so blöd sein, mir passiert das nicht. “Trickbetrug” trifft es besser. Der Täter beeinflusst das Opfer etwas zu tun, was ohne die Manipulation nie in Frage käme. Der Täter nutzt die menschlichen Eigenschaften und das soziale Umfeld des Opfers, um es zu beeinflussen. Der Fachbegriff dafür ist “Social Engineering” – soziale Manipulation.

Menschliche Eigenschaften sind nicht “gut” oder “schlecht”. Jeder hat welche, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, in unterschiedlicher Ausprägung. Böse ist, wenn Menschen mit Hilfe ihrer Eigenschaften manipuliert werden, wenn die Eigenschaften zum Betrug missbraucht werden.

Der Enkeltrick – das Original

“Hallo, rate mal wer hier ist!” “???” “Kennst Du mich denn nicht mehr?” “Ah, der Kevin?” “Ja, genau!”

Jemand ruft Oma an und gibt sich als ihr Enkel aus. Oma zweifelt nicht mehr an seiner Identität – sie hat ihn ja selbst an seiner Stimme erkannt. Der zweite Anlauf war nötig, weil die Stimme fremd klang. Klar, der Enkel ist ja erkältet, hat er erklärt. Der liebe Enkel gibt sich richtig enttäuscht, weil Oma ihn nicht gleich erkannt hat. Aber trotzdem bittet er sie “gnädig” um einen größeren Geldbetrag. Es soll ja nur für ein paar Stunden / Tage sein, dann will er Oma das Geld zurück geben.

Es eilt, weil der Enkel in Zeitdruck ist. Er ist in einer schlimmen Notlage – er wurde überfallen, alle Ausweise und Geld sind weg. Oder er hat eine gewaltige Chance – was er schon lange suchte, wird gerade angeboten – er muss sofort entscheiden und bezahlen.

Weil Oma sich nicht entschließen kann, ruft der Enkel noch ein paar Mal an. Er lässt Oma nicht viel Zeit zum Überlegen. Schließlich geht sie doch zur Bank. Weil Oma den angekündigten Boten (seinen “guten Freund”) nicht kennt, ruft sie den Enkel nochmal an, sicherheitshalber hatte er ihr seine Handynummer gegeben. Weil der Enkel das so bestätigt, ist sie beruhigt und übergibt das Geld. Sie freut sich, dass sie dem lieben Enkel helfen konnte – bis sie erkennen muss, dass ihr Enkel doch nicht ihr Enkel war und dass ihr Geld weg ist.

Omas Hilfsbereitschaft, verstärkt durch das eingeredete schlechte Gewissen und Zeitdruck, wird schamlos ausgenutzt – ihr “Notgroschen” ist weg.

Sie haben gar keinen Enkel – der Enkeltrick funktioniert nicht?

Aber vielleicht meldet sich jemand als Großneffe, der im Ausland studiert. Oder als beste Freundin der hochschwangeren verunglückten Nichte. Oder als alter Schulfreund, als neuer Nachbar, Urlaubsbekanntschaft, als Vereins-Mitglied oder Kollege des verstorbenen Partners.

So eng sieht man das nicht beim “Enkeltrick”. Dem Täter geht es nicht um Familienverhältnisse, sondern um Manipulation menschlicher Eigenschaften. Und das soziale Umfeld eignet sich gut dafür.

Fachleute schätzen, dass mit dieser Methode jährlich bundesweit Schäden in Höhe von ca. 10 Mio Euro verursacht werden. 90-jährige Menschen sind achtmal so häufig betroffen wie 65-jährige. Betrogene offenbaren sich nicht, aus Scham vor Angehörigen. Die zunehmende Professionalisierung der Täter und organisierte Kriminalität erschweren Ermittlern die Arbeit.

Der Enkeltrick klappt, weil man dran glauben möchte

“Social Engineering” bedeutet “soziale Manipulation”. Täter motivieren ihre Opfer ganz persönlich und bieten dann eine Hilfe an. Dafür bekommen sie Geld, Infos oder was sie haben wollen. Die Opfer werden durch Bedürfnisse, Eigenschaften oder Situationen von A bis Z manipuliert, z.B. durch

  • Angst (“Das gibt eine Katastrophe”)
  • Bequemlichkeit (“Das haben wir schon immer so gemacht!”)
  • Einsamkeit (“Ich möchte auch dabei sein”)
  • Eitelkeit (“Wenn nicht ich – wer dann?”)
  • Frust (“Warum passiert mir das immer?”)
  • Gier (“Noch mehr – mehr – mehr!”)
  • Gutgläubigkeit (“Das wird schon so richtig sein”)
  • Hilfsbereitschaft (“Ich mach das mal eben”)
  • Hoffnung (“Das wird schon wieder”)
  • Lust (“JA JA JA – ich will”)
  • Neugier (“Darüber will ich mehr wissen”)
  • Panik (“Schnell schnell, zum Denken ist jetzt keine Zeit”)
  • Respekt (“Das ist eine Autorität, also mach ich es.”)
  • Scham (“Das darf nie rauskommen”)
  • Schlechtes Gewissen (“Da habe ich was gutzumachen”)
  • Schnäppchen (“So günstig nur noch heute”)
  • Sehnsucht (“Ach wäre das schön”)
  • Spieltrieb (“No risk, no fun”)
  • Trotz (“Jetzt erst recht”)
  • Überheblichkeit (“MIR passiert sowas doch NIE”)
  • Unsicherheit (“Da steht dochHIER KLICKEN. Mach ich.”)
  • Vertrauen (“So gut wie wir uns kennen …”)
  • Verzweiflung (“Ich will nicht gemobbt werden”)
  • Wunsch (“Dafür würde ich ALLES tun”)
  • Zeitdruck (“Gleich ist es zu spät!”)

Wie der Enkeltrick noch verstärkt wird

Schon über eine einzelne dieser Eigenschaften kann das Opfer manipuliert werden. Täter können ihr Ziel kann noch sicherer erreichen, indem sie “Verstärker” benutzen. Verstärkend wirkt

  • die gleichzeitige Ausnutzung mehrerer Ansätze. Die Banker (oder Bankster?) haben das bis hin zur Wirtschaftskrise perfektioniert: Gier, Gutgläubigkeit, Spieltrieb, Unkenntnis, Überheblichkeit.
  • wenn der Täter seine Glaubwürdigkeit belegen kann. Das setzt voraus, dass der Täter in seiner individuellen Vorbereitung persönliche Details herausfindet, die nur “Berechtigte” kennen können. Die findet er z.B. mit Google, Facebook, WhatsApp, Amazon, Ebay und anderen Datenkraken. Da gibt es Daten, die die Nutzer selbst abgegeben haben.
  • wenn der Täter für das Opfer eine besondere Bedeutung hat, z.B. wenn er als Autorität auftritt (z.B. Polizist, Arzt, Banker), wenn er sympathisch wirkt, wenn das Opfer ihm etwas schuldet, wenn er unter Zeitdruck ein lukratives Angebot macht, wenn er mit einer persönlichen Empfehlung auftritt.

Die Methode eignet sich, Menschen zu ihrem persönlichen Nachteil zu manipulieren. So können aber auch Mitarbeiter von Unternehmen z.B. für Wirtschaftsspionage missbraucht werden.

Prüfen Sie sich selbst. Je mehr Ihr “Bauchgefühl” angesprochen wird, desto wahrscheinlicher ist der Versuch eines Trickbetrugs.

Enkeltrick-Foto: Pixabay – vielen Dank!

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