Wer nichts zu verbergen hat, hat es nicht besser verstanden

Wie gut, dass es den Facebook-Skandal gibt. Dadurch kommt jetzt in der Politik und in den Massenmedien an, was bisher als Spinnerei bespöttelt wurde. “Ich habe nichts zu verbergen” sagten die Spötter, und “So ist nun mal unsere Welt”.

Ich habe nichts zu verbergen

Der Facebook-Skandal ist nur die Spitze eines Eisbergs. Das sind nur ein paar Stichwörter und Namen zur Digitalisierung. Das ist “unsere Welt”.

Ein Smartphone ist kein “besseres Telefon”, sondern ein Hochleistungs-Computer. Es ist klein und unscheinbar wie ein Handy, aber seine Leistung kann man sich nur vorstellen, wenn man

  1. eigene breite Anwendungserfahrungen gesammelt hat (oder mindestens Bedienungsanleitung intensiv studiert hat) und
  2. die AGB der Internet-Anbieter mit juristischem Verstand durchgearbeitet und (oder mindestens deren juristische Bewertungen) verstanden hat.

Beides ist nötig; die Technik wegen der Leistungsfähigkeit, die rechtliche Situation wegen der Absichten der Anbieter und des möglichen Missbrauchs persönlicher Daten.

Und wer hat das schon? Wer hat sich überhaupt das Handbuch heruntergeladen? Wer hat z.B. das “Kleingedruckte” von Facebook bzw. WhatsApp vor dem “Abhaken” gelesen und verstanden? Einsteiger können es nicht; viele Profis glauben, sie brauchen “sowas Banales” nicht. Vielen Einsteigern genügt es, sich oberflächlich ein paar Handgriffe zeigen zu lassen. Woher sollen sie dann wissen, ob sie nichts zu verbergen haben?

Wer nichts zu verbergen hat, hat bisher keine “Leiche im Keller”

Der bekannte Blogger Richard Gutjahr schrieb jetzt in der Rheinischen Post: “Facebook besitzt mehr und intimere Informationen über die Weltbevölkerung als alle Regierungen, Militärs und Geheimdienste zusammen. Informationen sind Macht.” Er hält die Behauptung “Ich habe nichts zu verbergen” für einen “der dümmsten Sätze unserer Zeit“.

Ich habe den Satz auch immer wieder gehört und darüber diskutiert. Mir ist ein Widerspruch aufgefallen: Wer ihn ausspricht, kann in der „analogen Welt“ durchaus intelligent und erfolgreich sein, aber in der digitalen Welt ist diese Haltung nur naiv. Mein Erklärungsversuch: Wer das behauptet, hat noch kein Erfahrungswissen dazu.

Die Einschätzung “nichts zu verbergen” wird nach meiner Beobachtung mit dieser Bedeutung verwendet: “Ich habe nicht gegen rechtliche Vorschriften verstoßen, ich habe individuelle Vereinbarungen immer eingehalten, ich habe gesellschaftliche Tabus immer beachtet”. Daran habe ich keine Zweifel, das halte ich für ehrenwert.

Aber wer sagt, er habe nichts zu verbergen, hat vielleicht etwas vergessen oder verdrängt? Das Internet vergisst nichts. Und wenn z.B. Facebook ein Geheimnis nicht vom Nutzer selbst erfahren hat, hat es vielleicht einer der Facebook-“Freunde” veröffentlicht. Die brauchen über den Nutzer nichts zu verbergen, sie sind ja nicht betroffen.

Zukunft statt Vergangenheit

Wer nichts zu verbergen hat, denkt in der Vergangenheit. Meine Kritik: Dem Satz fehlt die Zukunft. Die Ansammlung von Informationen und Macht bei den Internet-Giganten kann missbraucht werden, von den Giganten selbst, oder von deren Kunden, oder von Kriminellen, die sich Zugang zu den Informationen verschaffen.

Solche Risiken gab es in der analogen Welt nicht, dafür haben wir weder “Antennen” noch Schutz-Mechanismen entwickelt. Dafür fehlt uns das Erfahrungswissen. Das müssen wir lernen.

Zukunftsorientierung in diesem Sinn hat etwas mit Verantwortung und Schutz zu tun.

Drei Argumente gegen “Ich habe nichts zu verbergen”

1. Ich will andere Personen schützen

Beziehungen zu Menschen bewegen sich im großen Bereich zwischen Intimität und Anonymität. Jeder hat eine bewusste oder unbewusste Rangfolge. Vielleicht ähnlich wie in diesem Bild. Es geht um Wünsche und Einstellungen, um Freuden und Ängste, um Vertrauen und Geheimnisse. Je näher mir Menschen stehen, desto mehr wissen wir voneinander und desto wichtiger ist es mir, uns gegenseitig zu schützen. Ich will steuern können, wen ich wie schütze.

Für mein enges Umfeld sollte ich nicht sagen, ich habe nichts zu verbergen. Dafür drossele ich meine “Mitteilungsbereitschaft” auf Null. Auf Gegenseitigkeit!

Und ganz bestimmt geht es “das Internet” nichts an, zu wem ich welchen Beziehungsstatus habe – auch wenn Facebook das “nur für meine Freunde” wissen will.

2. Ich will meinen Status schützen

Immer mehr (potenzielle) Vertragspartner wollen mehr über uns wissen, um sich abzusichern:

  • Arbeitgeber wollen die Zuverlässigkeit ihrer Bewerber prüfen.
  • Banken interessieren sich für die Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden.
  • Versicherer wollen die Risikobereitschaft ihrer Kunden einschätzen.
  • Partnersuchende wollen mehr wissen als die Selbstdarstellung ihrer neuen Kontakte.

Bessere Chancen hat, wer bisher nicht auffällig geworden ist.

Jeder hat einen sozialen und wirtschaftlichen Status. Wer seinen Status erhalten oder verbessern will, muss auf seine “Reputation” im Internet achten. Vielleicht hat er doch etwas zu verbergen.

Ich müsste schon sehr naiv sein, wenn ich meine Verhandlungsposition durch bewusste Veröffentlichung persönlicher Details schwäche, die andere für ihre Entscheidung gegen mich nutzen.

3. Ich will meine Merkmale verbergen

… gegen Beeinflussung

“Ganz zufällig” wird Ihnen passende Werbung präsentiert? Das geschieht nicht, weil genau Sie persönlich gemeint sind. Werbung erscheint bei Ihnen, weil Ihr “Profil” bestimmten Merkmalen entspricht. Z.B. lässt sich aus häufigem größeren Standortwechsel das werblich nutzbare Merkmal “Vielreisender” ableiten. Werbetreibende denken “um die Ecke“: Für Reisewerbung ist nicht der Standort wichtig, sondern dessen Veränderung. Werbung ist nicht gefährlich, “nur” lästig.

Ziemlich neu ist die Wähler-Manipulation. Es wird vermutet, dass bei bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen (Trump), bei der Brexit-Abstimmung und weiteren Gelegenheiten Wähler anhand persönlicher Merkmale manipuliert wurden. Das geht dann nicht über Standorte, sondern über Gesinnungen. Wählern werden mit Hilfe von Fake News Ziele suggeriert, die sich mit den Zielen der Manipulatoren decken. Nur die unterlegenen Politiker fürchten um die Demokratie. Ich möchte mir ohne Manipulation meine eigene Meinung bilden können; das wird immer schwieriger.

… gegen Betrug

Kriminelle bereiten ihre nächsten Straftaten vor. Wenn z.B. die Merkmale “Großeltern” und “Enkel” um persönliche Details ergänzt werden, kann das Grundlage für einen Betrug mit dem Enkeltrick sein. Darauf fällt keiner mehr herein? Es gibt eine Menge anderer Maschen (“Social Engineering“, soziale Manipulation), mit denen menschliche Eigenschaften kriminell missbraucht werden können.

… gegen Wahrscheinlichkeit statt Wahrheit

Gewerbliche Auskunfteien bieten “Bonitätsprüfungen” an, die diesen Namen oft nicht verdienen. Zur Vereinfachung prüfen sie nicht den Einzelfall, sondern liefern ein statistisch wahrscheinliches “Scoring“; das ist eine Art Prognose aus ihren Erfahrungswerten. Wenn z.B. für bestimmte Wohngegenden / Altersklassen / Namen eine schlechte Zahlungsmoral beobachtet wurde, können neue “Prüflinge” mit diesen Merkmalen auch nur eine schlechte Bewertung bekommen – ohne Einzelfallprüfung. So ein Algorithmus lässt sich ja nicht von der Wahrheit irritieren. Das kann zu einer krassen Fehleinschätzung und Benachteiligung führen. Wahrscheinlich glaubt ein Mobilfunkanbieter “seiner” beauftragten Auskunftei eher als dem “verurteilten” Kunden.

Algorithmen missbrauchen Merkmale

Manipulation für Politik oder Kriminalität haben noch irgendwas mit persönlichen Fakten zu tun (das macht es nicht besser). Wahrscheinlichkeitsrechnung ohne Einzelfallprüfung ist völlig außerhalb unserer Kontrolle. Solange Weil man die Algorithmen der “anderen” nicht kennt, ist es zwingend notwendig, die eigenen Merkmale zu verbergen.

Verbergen Sie, was möglich ist

Das Problem: Wir kennen die Algorithmen nicht, wir können sie bestenfalls ansatzweise ahnen. Und der Standpunkt “Wir sind doch schon gläsern” bringt uns auch nicht weiter. Ich lasse doch meine Wohnung während meiner Abwesenheit nicht offen, nur weil es immer jemand geben kann, der einbrechen will.

Vielleicht sind wir nach heutigen Maßstäben fast gläsern. Aber die Entwicklung geht weiter: Künstliche Intelligenz, “Machine Learning” (Computer lernen selbst weiter). Das führt zu einer zukünftigen Transparenz, deren Ausmaß und Verwendung wir noch nicht ahnen können. Die Zukunft bringt bestimmt auch Gutes. Aber auch globalsierte Manipulation, Kriminalität, Macht.

Und Facebook, WhatsApp und Instagram sollten wir besser ganz ignorieren. Auch wenn „alle“ da sind und wenn trotz Facebook-Skandal immer noch (!) Institutionen und Firmen dort mit uns kommunizieren wollen.

Mir ist klar, einen 100%-Schutz kann es nicht geben. Es wird immer Menschen und Algorithmen geben, die richtige Fakten in falsche Zusammenhänge stellen. Entscheider wissen nicht genug, aber es genügt ihnen. Gerade darum müssen wir bewusster abwägen, was wir „dem Internet“ mitteilen und wo wir besser schweigen.

Wie gut, dass es den Facebook-Skandal gibt – so fängt dieser Beitrag an. Ganz eindeutig: Nicht der Skandal ist gut, sondern die Tatsache, dass er eine Diskussion auslöst.

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