Der falsche Teilnehmer im richtigen Seminar

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Warum Herr T. das richtige Seminar besuchte und trotzdem keine Chance hatte.
Der falsche Teilnehmer im richtigen Seminar

Das Besondere bei diesem Seminar

Dieses Seminar hieß “Das Android-Smartphone einsatzfähig machen”. Es steht ziemlich am Anfang einer Seminarreihe und soll Einsteigern helfen, ihr Gerät erstmals zum Laufen zu bringen: SIM-Karte und ggf. SD-Karte einlegen und Google-Konto einrichten. Das Ziel: Jeder Teilnehmer bringt sein “nacktes” Smartphone mit und nimmt es einsatzfähig wieder mit.

Dabei muss das “neue” Smartphone nicht frisch aus dem Laden sein. Oft sind es “geerbte” oder günstig erworbene gebrauchte Smartphones, mit denen die Nutzer erleben wollen, ob sie mit dieser Technik etwas anfangen können. Sicher ein sinnvoller Ansatz.

Was wir in diesem Seminar machen, wird häufig schon vom Verkäufer oder einem Familienmitglied erledigt. Aber nicht jeder neue Smartphone-Besitzer hat einen solchen “freundlichen Helfer”. Für diese Nutzer bietet die VHS dieses “Seminar” an.

Einsteiger sind mit der Einrichtung überfordert

Ein ordentliches Handbuch wird nicht mitgeliefert. Die Download-Möglichkeit wird nicht erwähnt. Die nötigen Schritte erklären sich nicht selbst.

Eine erste große Hürde ist die Einrichtung des Google-Kontos. Was bedeuten die Begriffe? Warum wird mein Name nicht akzeptiert? Wozu brauche ich ein Passwort? Die Tastatur ist viel zu klein. Ich kann die erklärungsbedürftigen Dinge erklären, aber an der konkreten Umsetzung scheitern die meisten. Z.B. müssen sie per Tastatur ein kryptisches Passwort eingeben, ohne mit der Tastatur umgehen zu können.

Ich mag dieses Seminar nicht besonders. Es hat nur wenig mit Wissensvermittlung zu tun, es ist mehr eine “Bastelstunde”. Z.B. beim alten Samsung S3 ist die SIM-Karte anders einzulegen als beim neuen LG K9. Ich kann dann die SIM-Karte erklären, aber der Samsung-Besitzer hat wenig davon, wenn er nun auch das LG gesehen hat und umgekehrt. Und wie das alte Nokia-Handy geöffnet wird, um die SIM-Karte zu übernehmen, interessiert auch nicht alle Teilnehmer, wird aber vom Seminar / von mir erwartet.

Herr T. hat Probleme

Ein alter Herr (ich nenne ihn hier Herrn T.) hatte sich von der VHS beraten lassen und für diesen Termin angemeldet. In der Vorstellungsrunde erzählte er, dass er 88 Jahre alt ist und bisher weder mit Handy noch Computer zu tun hatte. Und dass er in seinem Umfeld niemanden hat, der ihm beim Smartphone helfen könnte. Er hatte Glück, sagte er. Als er sein Smartphone bei ALDI kaufte, half ihm eine freundliche Kassiererin, die SIM-Karte einzulegen. Er hatte inzwischen schon mal telefoniert, aber seit einem halben Jahr liegt das Gerät ungenutzt in der Schublade, er brauchte es nicht. Die Meldung “Noch zwei Versuche” beim Entsperren der SIM-Karte hatte ihn vollends verunsichert. Er kam mit einer klaren Erwartungshaltung: Wenn er dieses Seminar mitmacht, weiß er alles Nötige.

In der Vorstellungsrunde erkannte ich: Das wird nicht leicht. Wie kann ich die fehlenden Vorkenntnisse, die hochgesteckte Erwartung bei ziemlich geringer Motivation, den völlig unterschätzten Lernaufwand und die begrenzte Zeit (4 x 45 Minuten für alle Teilnehmer) unter einen Hut bringen?

Der Verlauf des Seminars bestätigte meine Befürchtung. Herr T. erklärte an allen möglichen Stellen: Brauche ich nicht, verstehe ich nicht, geht nicht, und eigentlich will ich das auch gar nicht. Er zeigte mir den ALDI-Prospekt und seine Kassenzettel: Sehen Sie, ich habe doch alles bezahlt. Meine Chancen, mit ihm die Seminarziele zu erreichen, gingen gegen Null. Ich konnte mich ja nicht nur um Herrn T. kümmern.

Weil Herr T. bei aller Hilflosigkeit ruhig und sympathisch blieb, suchten wir nach dem Seminar noch eine Weile gemeinsam nach einer Lösung. Wir kamen nicht zum Ergebnis und besprachen, was Herr T. noch mit ALDI zu klären hatte. Ich kam drei Züge später nach Hause und war trotzdem unzufrieden mit dem Ergebnis.

Was war falsch bei diesem Seminar?

Ich fühlte mich nicht wohl. Was ich vermitteln wollte, ist bei Herrn T. nicht angekommen, abgetropft wie an Teflon. Und mit dem erkannten Tarifproblem kamen wir ohne ALDI auch nicht weiter. Die anderen Teilnehmer hatten die Ziele erreicht – das ist kein Hinweis auf ein “schlechtes” Seminar. Also müssen an anderer Stelle Fehler passiert sein.

Herr T. hatte sich bei der VHS beraten lassen, welches Seminar in seiner Situation passt: Gerät und Tarif waren bereits vorhanden. Herr T. kam also zu spät für eine Empfehlung in Richtung “Bedarfsermittlung”. Und für fortgeschrittene Seminare waren die Bedingungen noch nicht erfüllt. Die Empfehlung der VHS für dieses Seminar war die einzig sinnvolle.

Aber Herr T. hatte zu spät gefragt. Er hätte vor dem Kauf seinen Bedarf besser “erforschen” sollen. Weil er bei ALDI nach einem Smartphone und einem Tarif gefragt hat, bekam er ein Smartphone und einen Tarif. Das Einsteiger-Smartphone und der Prepaid-Tarif sind durchaus für Einsteiger geeignet. Aber Herr T. ist mit seinem spezifischen Bedarf kein “normaler” Einsteiger. Leider war ihm das nicht klar, er konnte seinen Bedarf nicht nennen.

Eine systematische Bedarfsermittlung hätte vermutlich zu einem Seniorenhandy (nicht zum Smartphone) geführt, mit großen Tasten und evtl. mit einer Notruf-Verbindung. Die haben viel weniger Funktionen und viel geringeren Lernbedarf. SIM-Karte reinstecken und fertig. Ohne Google-Konto, ohne Passwörter, ohne den Sicherheitsbedarf des Internets, mit überschaubarem Lernaufwand.

Irgendjemand hatte Herrn T. empfohlen, bei ALDI zu kaufen. Dort kann man meistens günstige Preise erwarten, aber keine Beratung und anderen einschlägigen Service. Obwohl Herr T. mit “seiner” freundlichen Kassiererin Glück hatte, kann er nicht erwarten, dass er sie bei späteren Fragen wieder findet und dass sie dann die benötigte Lösung kennt. Mehr Infos könnte er bei Profis erwarten, z.B. bei Telefon-Shops oder Elektronik-Discountern. Läden mit Ansprechpartnern sind für Herrn T. einfacher zu kontaktieren als Hotlines oder Selbstbedienungs-“Kundencenter” im Internet.

Falls Herr T. ein anderes meiner Seminare besucht, werde ich ihm empfehlen, sein Smartphone wieder abzugeben und auf ein Seniorenhandy umzusteigen, notfalls auch mit Verlust. Das sollte ihm zukünftig viel Frust ersparen. Und so könnte er die Sicherheit finden, die er eigentlich von der neuen Technik erwartet.


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