Bewegungsprofil: Wo sind Sie immer? Gesundheitsprofil: Sind Sie gut drauf? Persönlichkeitsprofil: Wie sind Sie eigentlich? Ihr Smartphone weiß alles. Wie vertraulich geht es damit um?

Bewegungsprofil, Gesundheitsprofil, Persönlichkeitsprofil

Das Bewegungsprofil im Smartphone

Bewegungsprofil: Wer war wann wie lange wo? Wer das weiß, kann folgern: Sage mir, wo du warst, und ich sage dir, wo du sein wirst.

Reiseanbieter und das Bewegungsprofil

Herr N. bewegt sich unregelmäßig. Ein paar Wochen bewegt er sich in seiner Stadt. Dann ist er ein paar Tage in einer anderen Stadt. Nach ein paar Wochen zuhause hält er sich eine Weile im Ausland auf. Immer im Wechsel – in seiner Stadt, an ganz anderen wechselnden Orten.

Wer das weiß, kann Herrn N. als Vielreisenden einschätzen. Damit ist er vermutlich aufgeschlossen für Reiseangebote. Reiseanbieter haben wohl bei Herrn N. bessere Verkaufschancen als bei jemand, der selten unterwegs ist. Also bekommt er entsprechende Werbung.

Einbrecher und das Bewegungsprofil

Wer erfährt, dass Herr N. morgens immer von einer bestimmten Adresse abfährt, kann vermuten, dass Herr N. dort wohnt. Wer erfährt, dass Herr N. morgens immer zu einem bestimmten Ziel fährt und abends dort wieder abfährt, kann vermuten, dass Herr N. dort arbeitet. Wenn diese Beobachtungen auf die Arbeitstage begrenzt sind, wird die Vermutung bestätigt.

Wenn ein Einbrecher sich digital in sozialen Netzwerken informiert, kann er seine Arbeitszeiten planen: Montag bis Freitag tagsüber, während Herr N. arbeitet. Vielleicht findet er sogar Hinweise, wann und wie lange Herr N. verreist. Dann macht er analog mit seiner Brechstange weiter.

Das Bewegungsprofil ist überschaubar

Ein Bewegungsprofil kann präzise wie die GPS-Ortung sein; es kann so ungefähr sein wie der Raum zwischen den Funkmasten. Man kann es interpretieren.

Herr N. lieferte nur zwei Beispiele. Viele andere Interessenten für Bewegungsprofil und Ortung sind vorstellbar: Rettungsdienste, Helikopter-Eltern, eifersüchtige Ehepartner, misstrauische Arbeitgeber, wirtschaftlich disponierende Spediteure. Manche Interessen am Bewegungsprofil sind legal, andere nicht. Möglich ist viel mehr, als ich hier angedeutet habe.

Das Gesundheitsprofil im Smartphone

Ist Ihnen bewusst, dass Sie ein Gesundheitsprofil / eine Krankenakte im Smartphone haben?

Z.B. Sport-Apps zeichnen Daten auf, wann, wie oft, wie lange, wie regelmäßig Sie gejoggt sind. Manche Nutzer übertragen die Messergebnisse ins Internet, um ihre Leistungen wie im Wettbewerb mit anderen zu vergleichen. Medikamenten-Apps erinnern Sie rechtzeitig an die Einnahme Ihrer Tabletten und die Messung und Aufzeichnung von Blutdruck und Puls.

Ergänzend gibt es tragbare Geräte wie Smartwatches oder Tracking-Bänder (wie Armbanduhren mit Kontakt zum Smartphone). Und es gibt Datenbrillen mit eingebauten Kameras, die Informationen aus dem Internet in das Sichtfeld einblenden können. Solche Geräte werden “Wearables” genannt (wörtlich “tragbar”). Sie liefern ihre z.T. noch feineren Messergebnisse an die Gesundheits-Apps.

Die Verbindung von Gesundheits- und Bewegungsprofil könnte Krankenkassen, Versicherungen, Kreditgeber und Auskunfteien interessieren. Vielleicht werden sich irgendwann Versicherungsprämien an solchen Aktivitäten orientieren. Wie gesund ist ein Versicherungsbewerber? Wie zuverlässig ist er? Betreibt er Risiko-Sportarten? Was bedeutet es, wenn er keine Daten liefert: Sportmuffel oder Versicherungsrisiko? Hat er etwas zu verbergen?

Das Persönlichkeitsprofil aus dem Smartphone

Das Persönlichkeitsprofil erlaubt diese Folgerung: Sage mir, wie du warst, und ich sage dir, wie du sein wirst.

Ein Horoskop für ein ganzes Sternzeichen

In einem Tageshoroskop stand “Achten Sie auch weiterhin auf ihre Gesundheit!”. Horoskop-Anhänger verhalten sich danach – wie eigentlich? Horoskop-Skeptiker tun das als unkonkrete Binsenweisheit ab. Eine Kolumne der Rheinischen Post greift das auf: Das Horoskop wird digitalisiert. Künstliche Intelligenz, Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten könnten irgendwann zu konkreten persönlichen Empfehlungen führen. Fazit des Autors: “Da sind mir die aktuellen Horoskope lieber”.

Ein Persönlichkeitsprofil für ein Individuum

In der Psychologie gibt es die “Big Five” bzw. das Fünf-Faktoren-Modell, um die Persönlichkeit eines Menschen zu beschreiben. Wikipedia beschreibt das Modell. Danach wird der Charakter eines Menschen anhand von fünf Persönlichkeitsmerkmalen bestimmt.

Diese Merkmale können bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Die Kombination aus den Eigenschaften ist ein Teil unserer Individualität.

Merkmal (Faktor) schwach ausgeprägt stark ausgeprägt
1. Geselligkeit (Extraversion) zurückhaltend, ruhig, gern allein aktiv, ernst, unabhängig, gehemmt, in sich gekehrt. gesprächig, gesellig, dominant, zupackend, spontan, herzlich, heiter, optimistisch.
2. Emotionale Labilität, Verletzlichkeit (Neurotizismus) entspannt, zufrieden, ausgeglichen, selbstsicher, ungezwungen, stressresistent gestresst, ängstlich, sorgenvoll, angespannt, unsicher, verlegen, pessimistisch, traurig
3. Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit) traditionell, bewahrend, wenig offen für Neues, engstirnig, konservativ, eher konventionell vielseitig, neugierig, philosophisch, kreativ, eher unkonventionell, reflektiv, fantasievoll
4. Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus) unvorsichtig, spontan, eher willensschwach, unachtsam, ungenau, nachlässig ordentlich, überlegt, arbeitsam, pünktlich, verantwortlich, planend, sorgfältig, zuverlässig.
5. Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empatie) egozentrisch, stur, aggressiv, misstrauisch, hart, sehr skeptisch, wettbewerbsorientiert harmoniebedürftig, friedlich, kooperativ, mitfühlend, nett, hilfsbereit, nachgiebig.

So könnte ein individuelles Persönlichkeitsprofil aussehen; die Skala reicht von 1 (schwach ausgeprägt) bis 10 (stark ausgeprägt):
Persönlichkeitsprofil

Versuchen Sie doch mal, Ihre persönlichen Merkmale einzuschätzen. Oder versuchen Sie es mit einer Person aus Ihrer näheren Umgebung.

Können Sie sich vorstellen, dass andere Menschen Sie nach diesen Merkmalen einschätzen können? Sie versuchen das auch ohne ausreichende Informationen, z.B. ohne Beobachtungen aus Gesprächen, aus der Korrespondenz, aus Ihrem Verhalten, aus Ihren Kontakten, nur aus Ihren Veröffentlichungen (wie WhatsApp- und Facebook-Beiträgen). Die Einschätzung mit zu wenig Informationen ist weniger genau, aber es genügt ihnen. Je mehr Informationen sie sammeln, desto genauer wird das Profil.

Wer diese Faktoren für eine Person herausfindet, kann deren wahrscheinliches Verhalten voraussagen. Wer diese Faktoren kennt, kann die Person beeinflussen.

“Willkommen in Paranoia”

Das ist ein Satz, der im Thriller “ZERO” von Marc Elsberg immer wieder vorkommt. Paranoia ist lt. Wikipedia “eine psychische Störung, in deren Mittelpunkt Wahnbildungen stehen”.

Die Handlung spielt in der nahen Zukunft. Es geht um Macht, die mit Hilfe von “sozialen Medien” ausgeübt wird. Die beschriebenen Techniken sind keine Fiktion, sie sind heute schon verfügbar. Die Menschen werden noch gläserner als heute – man gewöhnt sich daran. Aber die Menschen werden mit der Rangfolge in einem Punktesystem motiviert, das eigene Leben “freiwillig” zu verändern. Die erwünschten Verhaltensweisen kommen als “Empfehlungen” von einem mächtigen Internet-Unternehmen. Keiner wird gezwungen, sich daran zu halten. Aber man will ja nicht im sozialen Punktesystem abrutschen. Das ist Beeinflussung, die nicht wie Beeinflussung auftritt. Subtil und perfide.

Beim Lesen fiel mir immer wieder die aktuelle Facebook-Diskussion ein, die bis hin zur vermutlichen Wahlmanipulation reicht. Und die Methoden sind die des Social Engineering.

Künstliche Intelligenz, Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten sind heute keine Theorie mehr, sondern alltägliche Praxis oder kurz davor. Stichwörter: Spracherkennung und Sprachbefehle (Sprachassistenten), Smart Speaker (“lauschende” Lautsprecher), Smart Home (sprachgesteuerter Haushalt), soziale Medien, Gesichtserkennung, und bald Telemedizin, Industrie 4.0, autonomes Fahren.

Ich erkenne viele Vorteile in diesen Entwicklungen. Aber wie im “normalen” Leben wird es Missbrauch geben. Davor versuche ich mich zu schützen, indem ich nur äußerst sparsam Daten ins Internet gebe. Deswegen bin ich sehr kritisch bei der Auswahl meiner Apps im Smartphone. Bevor ich sie installiere, prüfe ich z.B., welche Berechtigungen eine App beansprucht. Trotzdem gibt es keine absolute Sicherheit.

Willkommen in Paranoia.

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