Angst oder Respekt vor der Technik?

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Angst lähmt, Respekt schützt. Das sagt der Stuntman über seine halsbrecherischen Risiken. Das ist seine wichtigste Versicherung: Weil er die Risiken kennt und anerkennt, kann er sie kalkulieren und damit umgehen.

Die Angst vor dem Unbekannten

Angst oder Respekt

Am 23.08.2019 erschien in der Rheinischen Post der Artikel “Ist das Klassenfoto noch erlaubt?”. Unter dem Aspekt der Privatsphäre ist das ein berechtigter Artikel. Er liefert unter anderem den Hinweis auf die DSGVO (“Datenschutz-Grundverordnung”) und die Empfehlung für die Fotografen, die Fotografierten um Einverständnis zu bitten. Er beschreibt auch, dass es z.B. für die Schulen keine einheitliche Regelung zu Klassenfotos gibt.

Der Artikel ist ein Beispiel für viele Informationen, die uns täglich erreichen und Angst machen können. Wir bekommen Informationen, die uns evtl. ganz persönlich betreffen. Wir bekommen aber keine Eindeutigkeit. DSGVO – auch der Titel “Datenschutz-Grundverordnung” liefert keine Aufklärung, was erlaubt ist oder nicht. Bisher waren Erinnerungsfotos “normal”, muss ich jetzt vorher Juristen bemühen? Was ist, wenn ich als Privatperson diese DSGVO gar nicht kenne, ist das schon strafbar?

An allen Ecken begegnen wir Informationen, die uns verunsichern (alphabetische Reihenfolge): 5-vor-12-Warnungen, Abmahnungen, Digitalisierung, gendergerechte Sprache, Gewalttaten, Hate Speech (rechter Hass im Netz), Kriminalität per Internet, Political Correctness, Politik-Verdrossenheit. Ist das Leben wirklich so “lebensgefährlich”? Was dürfen wir noch, was nicht mehr? Ich hätte für diesen Protest Verständnis: “DIE KÖNNEN MICH ALLE MAL”. Müssen wir schon Angst haben, wenn wir solche Verunsicherungen ignorieren?

Die Zeit schrieb Fürchtet euch nicht. Androidpit griff das Thema auf mit Digitale Ängste: Die Furcht vor dem Unbekannten.

Kleine Kinder beim Versteckspiel glauben “Wenn ich die Augen zukneife, werde ich nicht entdeckt”. Natürlich werden sie entdeckt, das ist ja der Reiz des Spiels.

Immer mehr Senioren entscheiden sich für ein Smartphone. Für viele ist das eine fremde Welt mit der Leistung von Computern und Internet. Sie ahnen die Leistungsfähigkeit. Aber sie ist ihnen unheimlich, weil die Transparenz fehlt. Manche denken “Ich will doch nur …” und hoffen “Dann passiert mir schon nichts”. Das schafft aber keine Sicherheit. Im Gegensatz zum kindlichen Augen-Zukneifen ist das kein Spaß, sondern Leichtsinn.

Konkrete Beispiele statt diffuser Angst

Angst lähmt, den Stuntman und den Smartphone-Nutzer. Was für den Stuntman der Respekt ist, ist bei Smartphone, Computer und Internet die “Medienkompetenz”. Wer sich auskennt, kann damit umgehen. Ein paar Beispiele sollen zeigen, dass Durchblick schützt.

Angst vor Werbung?

Ich habe vor längerer Zeit einmal im Internet nach “leichten Wanderschuhen” gesucht. Es gab auch ein Angebot. Wenn ich später ins Internet ging, z.B. um Zeitung zu lesen, wurde mir dieses Angebot auf unterschiedlichen Seiten immer wieder präsentiert.

Was war passiert? Bei der Suche wurde von einem Werbenetzwerk ein “Cookie” auf meinem PC gespeichert. Das ist eine kleine Textdatei mit meinem Suchbegriff. Jedes Mal, wenn ich eine Webseite dieses Werbenetzwerks aufrief, wurde das Cookie gelesen und die Anzeige mit den leichten Wanderschuhen erneut angezeigt. Ich hatte erst Ruhe, nachdem ich meinen Browser so einstellte, Cookies nach jeder Sitzung automatisch zu löschen.

Das war personalisierte Werbung, auf mich bzw. mein früheres Verhalten bezogen. Überall wird davor gewarnt. Warum eigentlich? Bloß weil mir eine Ware angeboten wird, wird mein Konto oder mein Portemonnaie nicht leer. Bei Werbung weiß ich, was ich tun kann: Nicht drauf klicken. So einfach ist das. Und ich kann meinen Browser anweisen, Cookies nach jeder Sitzung automatisch zu löschen. Dann findet die nächste Webseite aus dem Werbenetzwerk meine Suche nach den leichten Wanderschuhen nicht mehr.

Werbung mag lästig sein, gefährlich ist sie nicht.

Ich kann das nicht. Muss ich Angst haben?

Ich bin beeindruckt, wenn ich sehe, wie routiniert Kinder mit dem Smartphone umgehen. Z.B. zeigte mir mein Enkel sein Video-Spiel. Es ging darum, einen Traktor durch einen Wald zu steuern. Je schneller, desto mehr Punkte gab es. Ich durfte auch mal, aber ich habe zu viele Bäume abgeholzt.

Ist das Medienkompetenz oder antrainierte Geschicklichkeit?

Einsteiger überraschen mich, wie sie Aufgaben lösen. Wenn ich sie dabei beobachte, machen sie es ganz anders, als ich es jetzt gemacht hätte. Das geht so schnell, dass ich gar nicht folgen kann. Bin ich zu dumm, weil ich überrascht bin?

Es gibt oft mehrere richtige Möglichkeiten, eine Aufgabe zu lösen. Was ich beobachte, ist oft eine “ganz normale” Lösung. Sie ist nur eine Alternative zu meiner ebenfalls “ganz normalen” Lösung. Muss ich mir Sorgen machen, wenn meine “Routine” eine andere ist?

Ein Kollege hat das mal sehr anschaulich so formuliert: “Man kann sich so ‘rum kratzen oder so ‘rum”, unterstützt von zwei entsprechenden Handbewegungen. Manchmal gibt es sogar mehrere “normale” Lösungen,

Ist es fehlende Medienkompetenz, wenn ich nicht alle Wege kenne? Ein Weg, der zum Ziel führt, genügt. Es schadet natürlich nichts, andere Wege zu kennen. Warum soll ich nicht sagen “Zeig mal”, dann können wir gemeinsam Vor- und Nachteile abwägen. Fragen führt zu Medienkompetenz, gläubiges Staunen verunsichert nur.

Keine Angst, wenn man selbst aktiv wird?

Der Absatz von Armbanduhren geht zurück, las ich. Mit der Begründung von Smartphone-Nutzern: “Ich brauche keine Uhr, ich habe doch ständig die Uhr im Smartphone im Blick”.

Das sind unter anderem die Mitglieder von WhatsAppp, Facebook, Instagram und Co. “Soziale Medien” sind für viele Nutzer wichtig. Sie können oder wollen nicht auf die ständige Kommunikation mit “Freunden” verzichten. Manche nennen es “Sucht”, andere haben dafür das Wort “Smombies” erfunden, zusammengesetzt aus “Smartphone” und “Zombies“.

Ich kann keine psychologische Erklärung dafür liefern. Aber es gibt viele Menschen, die ihren “Freunden” und den Betreibern viele persönliche Daten mitteilen. Wer so selbst aktiv wird, hat nicht das Gefühl, seine Privatsphäre zu öffnen. Lesen Sie selbst: Paul ist gläsern und machtlos gegen WhatsApp.

Diese Haltung ist gefährlich: “Ich weiß ja, was ich tue; ich gebe die Informationen ja freiwillig an meine Freunde”. Sind das Freunde oder “so genannte” Freunde – von geldgierigen weltweit agierenden Unternehmen so genannt? Wie viele von diesen “Freunden” würden Sie im Krankenhaus besuchen oder nachts vom Flughafen abholen?

Zeugen soziale Medien von Medienkompetenz? Ich z.B. nehme gern meine konventionelle Armbanduhr mit Solarzelle für ständige Betriebsbereitschaft, mit Funksteuerung für die Genauigkeit, mit Analog-Zifferblatt für schnelle Erkennung..

Müssen Intensiv-Nutzer Angst vor Sucht haben

Bin ich süchtig, wenn ich nicht verpassen will, was meine “Freunde” ins Netz stellen? Wenn ich mich auch an den “Like”-Aktionen beteilige? Wenn mir die Internet-Kommunikation wichtiger ist als meine Tischnachbarn?

Bin ich süchtig, wenn ich bei meinen Fahrten zu wechselnden unbekannten Zielen nicht mehr auf mein Navi im Smartphone verzichten möchte? Früher ging es auch ohne die Technik. Aber früher war der Verkehr dünner, es gab Parkplätze oder Haltebuchten, an denen ich nach dem Weg fragen konnte. Fahrzeiten waren zuverlässiger abschätzbar, weil es weniger Baustellen und weniger Autos gab.

Wie viele Verkehrsunfälle passieren, wenn Fahrer durch das Smartphone abgelenkt werden, z.B. wenn sie Telefonnummern wählen, telefonieren, Nachrichten schreiben?

Wie viele Verkehrsunfälle werden vermieden, weil rechtzeitige Fahranweisungen vom Navi das Fahren viel entspannter machen?

Bin ich Smombie, wenn ich Tagesereignisse und Kommentare im Smartphone lese statt in der gedruckten Zeitung? Wenn ich ein E-Book lese anstelle des Print-Buchs? Lesen vom Papier ist gesellschaftlich akzeptiert, Lesen vom elektronischen Medium wird kritisch beäugt.

Freundliche Sprachassistenten können Angst machen

Es ist “chic”, mit seinen Geräten zu sprechen. Man muss nur ein “Zauberwort” sagen und schon wird der darauf folgende Sprachbefehl ausgeführt. Bekannte Sprachassistenten gibt es von Amazon (“Alexa”), Apple (“Siri”), Google (“Assistant”), Samsung (“Bixby”).

Befehle können Antworten auf Wissensfragen sein, oder das Ausführen von Computerfunktionen, oder die Abfrage persönlicher Informationen, oder sogar Befehle an das computergesteuerte “Smart Home” oder vieles mehr. Beispiele:

  • „[Zauberwort], wie weit ist es von Hannover nach Berlin?“
  • „[Zauberwort], spiele Jazz”
  • „[Zauberwort], was steht in meinem Kalender?“
  • „[Zauberwort], erhöhe die Temperatur im Schlafzimmer auf 20 Grad.“

Jeder Sprachassistent reagiert auf ein eigenes “Zauberwort”.

So funktioniert es: Der gewünschte Sprachassistent muss eingeschaltet sein. Dann hört er mit und reagiert auf sein spezifisches Zauberwort. Der anschließende umgangssprachliche Befehl wird per Spracherkennung im Internet analysiert und ausgeführt.

Damit das auch immer sicherer klappt (z.B. mit verschnupfter Stimme, im Dialekt gesprochen, mit fehlerhafter Grammatik), werden die viele Befehle von Menschen abgehört und in eindeutige Befehle “übersetzt”. Nicht jedes gesprochene Wort wird so behandelt, aber viele Stichproben, bis der Sprachassistent die Spracherkennung verbessert hat.

Ob das allen Nutzern bewusst ist? Der Assistent hört alles mit, was gesprochen wird. Alles, auch vertrauliche und intime Gespräche. Die Sprache könnte ja das Zauberwort mit einem Sprachbefehl enthalten. Er hört auch Sprache aus dem Fernseher, Radio, Videound ordnet sie dem Besitzer zu. Was macht das Internet-Unternehmen mit diesen Informationen? Speichern, auswerten, verkaufen?

Drei Argumente gegen “Ich habe nichts zu verbergen”

Ist es Medienkompetenz, gewerbliche Beobachter in den privaten Lebensbereich einzuladen?

Kritischer Respekt gegen pauschale Angst

Meine Beispiele sollen zeigen, dass pauschale Angst kein guter Ratgeber ist. Es gibt Funktionen, die mit ihrer fehlenden Transparenz Angst machen können. Aber es gibt auch viele Dinge im Smartphone und im Internet, die man verstehen kann, die man dann auch beherrschen kann. Man muss nur versuchen, die Ziele der Betreiber und die Funktionsweise zu verstehen. Suchen Sie im Internet, fragen Sie unbefangene (!) Menschen. Von Smombies und “Jubelnutzern” können Sie nur befangene Auskünfte erwarten.

Bei aller Begeisterung für die aktuellen Möglichkeiten: Kritiklose Technikverliebtheit ist keine Medienkompetenz. Dann ist Angst und Unterlassen sicherer. Aber Sie müssen bei bewusstem Verhalten nichts unterlassen und auf nuíchts verzichten.

Scheuen Sie sich nicht, selbst mitzudenken und achten Sie auch auf Ihr “Bauchgefühl”. Wer Ihnen zu viel Bequemlichkeit oder andere Vorteile verspricht, will Sie vielleicht aushorchen – wie die Sprachassistenten.

Gelegentlich höre ich “Der Staat muss sich kümmern”. Hat der Interesse, unsere Privatsphäre zu schützen? Will er vielleicht lieber selbst möglichst viel über uns alle wissen, mit dem Argument “Terrorismus”?

“Paranoia” bedeutet vereinfacht “Verfolgungswahn”. Wenn ich paranoid wäre, dürfte ich mein Smartphone und meinen Computer nicht benutzen. Es gibt begründete Verdachtsmomente, denen ich nachzugehen versuche. Wenn sich der Verdacht bestätigt, suche ich eine andere Lösung, notfalls verzichte ich.

Mein Tipp: Wenn Sie eine neue Funktion (z.B. eine neue App) nutzen wollen, bleiben Sie zunächst respektvoll kritisch. Versuchen Sie die Funktionsweise und die Interessen des Anbieters zu verstehen. Keiner hat etwas zu verschenken. Suchen Sie im Internet mit dem Namen der App und ergänzen Sie jeweils einen der Begriffe “Geschäftsmodell”, “Risiko”, “Problem”, “Gefahr”, “Falle” oder ähnlich. Und trauen Sie sich, selbst zu denken.

Gehen Sie genauso vor, wenn Sie eine weitere Funktion nutzen wollen. Machen Sie das zu Ihrem “digitalen Denkprinzip”. Wie der Stuntman, der auch jedes Risiko neu kalkuliert.


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